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Anna Boschek

14. Mai 1874 - 19. November 1957

Anna Boschek wird am 14. Mai 1874 in Wien geboren. Ihre Eltern Katharina und Thomas betreiben im 14. Bezirk eine Gemischtwarenhandlung. Doch nach dem Börsenkrach 1873 bleiben die Kunden aus und sie müssen das Geschäft zu sperren. Thomas Broschek ist lange arbeitslos, findet dann Arbeit als Gepäcksträger am Westbahnhof. Doch er trinkt zu viel und stirbt früh (1883). So zieht die Mutter Katharina alleine ihre vier Kinder groß, verdient als Lieferhäklerin einen kargen Lohn. Deshalb müssen Anna und ihre Geschwister der Mutter bei der Häkelarbeit für eine Tuchfabrik helfen.

Anna Boschek geht ab 1885 nach der Schule zusätzlich in eine Fabrik arbeiten. Mit 13 Jahren muss sie die Schule verlassen und arbeitet im feuchten Keller einer Galvanisierungswerkstätte von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends.

Ab 1888 arbeitet sie in einer Mundharmonikafirma elf Stunden täglich an einer Presse. Bis 1894 wechselt sie mehrmals die Arbeitsstätten. Schließlich findet sie bei der Kneippschen Trikotfabrik im 16. Bezirk eine längerfristige Anstellung. Die als leichte Arbeit mit guten Lohn annoncierte Stelle ist in Wirklichkeit ein knochenharter Job mit langen Arbeitszeiten.

Als einmal eine Maschine stillsteht, kommt eine andere Arbeiterin Boschek zur Hilfe und sagt: "Es sei Pflicht jeder Arbeiterin, dass sie der anderen beistehe, und wenn alle Arbeiterinnen zusammenhalten würden, könnten sie sich auch bessere Löhne erringen." Die Kollegin nimmt Anna auch in den Arbeiterinnenverein mit. Es gibt viel um das es sich zu kämpfen lohnt: Ausserhäusliche Frauenarbeit wird noch als "Zuarbeit" abqualifiziert, sie verdienen viel weniger als Männer und diese hielten den Frauen vor Lohndrückerinnen zu sein. Die arbeitenden Frauen sind von Entscheidungen ausgeschlossen wie auch beim Hainfelder Parteitag 1888/89: Die aus Böhmen angereiste Sozialdemokratin Anna Altmann (1851-1937) wurde abgewiesen, mit der Begründung: man brauche nur Männer. Der Mann jedoch, der ihrer statt, das Mandat annehmen sollte, lehnte ab: aus Angst vor behördlichen Schikanen, Verhaftung und Ausweisung.

Anna Boschek besucht nun nach der Arbeit und Sonntags Vorträge und Versammlungen. Bald entdeckt sie ihr Talent Reden zu halten und die Arbeiterinnenbewegung wird ihr Lebensinhalt. 1891 tritt sie dem Verein der Posamentirgehilfen bei, ein Kollege hatte die Gewerkschaftszeitung mitgebracht - daraus erfuhr sie von Streiks und erstrittenen Lohnerhöhungen. Also versuchte sie es selbst: Boschek und ihre Kolleginnen beschließen einen Streik in der Kneippschen Trikotfabrik abzuhalten. Sie sind erfolgreich und erreichen die Bezahlung von Überstunden, Schaffung von Waschgelegenheiten, Bereitstellung von Handtüchern, Abschaffung von Lohnabzügen bei geringfügigen zu spät kommen. Schließlich setzt Boschek noch durch, dass sie alle am 1. Mai frei haben. Der Dienstgeber hingegen nimmt einen ungeklärten Diebstahl als Grund, sie zu entlassen. Arbeitslos und ausgeschimpft von ihrer Mutter, gibt sie trotzdem nicht auf.

Sie lernt Anton Hueber kennen und er fördert sie. 1890 wird sie die erste Frau im Parteivorstand der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. 1893 wird Boschek auf Betreiben von Anton Hueber in der Gewerkschaftskommission angestellt und bleibt bis 1928 die einzige Frau im Gremium. Beim Ersten Gewerkschaftskongress (1893) nehmen Anna Boschek, die Begründerin der proletarischen Frauenbewegung und spätere Nationalratsabgeordnete Adelheid Popp (1869-1939) und spätere Obfrau der Gewerkschaft der BuchbinderInnen und PapierarbeiterInnen Maria Krasa (1876-1948) teil.

Boscheks Antrag Frauen in die Gewerkschaften aufzunehmen wird zwar angenommen, doch in der Realität änderte sich wenig, weiterhin weigern sich einzelne Gewerkschaften Frauen und Hilfsarbeiter aufzunehmen. Von den 443.639 Arbeitern sind 1893 31.522 gewerkschaftlich organisiert, davon sind nur 659 Frauen.

Ab 1894 reist Boschek durch Böhmen und bis nach Vorarlberg um Mitglieder für die Gewerkschaften zu finden. Sie unterstützt auch Gewerkschaftsgründungen, wie die der Näherinnen, der Heimarbeiterinnen, der Blumen- und Federschmückerinnen, der Tabakarbeiterinnen, Krankenpflegerinnen und Hausgehilfinnen. 1898 wird sie Geschäftsführerin des Frauenreichskomitees, 1899 tritt sie dem Arbeiter-Radfahrer-Bund bei und nimmt zu den Ausflügen im Rucksack immer Flugzettel mit.

Obwohl sich Frauen 1902, von Gesetzes wegen, immer noch nicht politisch organisieren dürfen, gründet sie den "Verein sozialdemokratischer Frauen und Mädchen" und der fordert das allgemeine Wahlrecht. Boschek übernimmt 1902 noch ein Amt, sie wird die Obfrau des "Vereins der Heimarbeiterinnen und aller im Haus beschäftigten Frauen und Mädchen", der Bedienerinnen, Wäscherinnen, Reiberinnen u.a. Unterstützung bei Krankheit, einen Entbindungsbeitrag, Leichenkostenbeitrag, Unterstützung bei besonderen Notfällen, unentgeltliche Arbeitsvermittlung und kostenlosen Rechtsschutz und ein Gratis-Abo der "Arbeiterinnen-Zeitung" anbietet. 1904 hat der Verein bereits 924 Frauen.

Schließlich wird 1907 das allgemeine Männerwahlrecht beschlossen. Frauen dürfen immer noch nicht wählen gehen. Deshalb steht der Internationale Frauentag 1911 unter der Parole "Heraus mit dem Frauenwahlrecht."

Im ersten Weltkrieg besetzen Frauen die Arbeitstellen der in den Krieg gezogenen Männer. Durch das Kriegdienstleistungsgesetz wird der gesetzliche ArbeiterInnennehmerschutz immer mehr beschnitten. Das führt jedoch auch dazu, dass immer mehr Frauen den Gewerkschaften beitreten. Boschek engagiert sich in den Kriegsjahren in vielen Friedensinitativen.

Nach dem Ersten Weltkrieg zieht Anna Boschek am 3. Dezember 1918 in den Wiener Gemeinderat ein. Kolleginnen waren: Emmy Freundlich, Gabriele Walter, Aloisia Schirmer, Anna Strobl, Adelheid Popp, Amalie Seidel, Annita Müller, Hildegard Burjan, Alma Seitz und Marie Schwarz. Am 4. März 1919 wird sie als Nationalratsabgeordnete angelobt und setzt sich für das Hausgehilfinnengesetz, die Ausweitung des Arbeitslosengesetztes auf die Hausgehilfinnen, das Hebammen- und Ammengesetz, Gewerbeinspektorinnen, Feiertagsgesetze ein. Sie nimmt an Gewerkschaftskongressen teil, reist zu den Arbeitskonferenzen der Internationalen Arbeiterorganisationen, wird Mitglied der Arbeiterkammer und beginnt Radiosendungen (1930/1931) zu machen. Ihre Themen sind: "Aus dem Leben einer Fabriksarbeiterin", "Berufsarbeit von verheirateten Frauen" und auch "Arbeiten an Schreibmaschinen."

Am 17. Februar 1933 hält sie ihre letzte Rede im Nationalrat. Sie spricht über das rasante Ansteigen der Gesundheitsschädigung an Arbeitsplätzen (es gab für rund 300.000 ArbeiterInnen nur neun Arbeitsinspektoren).

Nach der sogenannten "Selbstausschaltung" des Parlaments im März 1933 organisiert sie noch gemeinsam mit Emmy Fröhlich im Dezember eine Funktionärinnenkonferenz zum Thema "Wirtschaft und Notverordnungen", weil sich die Notverordnungen vor allem gegen arbeitenden Frauen richten. Nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 wechselt sie mehrmals ihren Wohnort. Die Polizei sucht sie wegen "Auskunftgebung" in Angelegenheiten des Hausgehilfinnenverbandes, derer Vorsitzende sie immer noch war.

Am 23. Februar 1934 wird sie verhaftet und sitzt bis Anfang April 1934 im Polizeigefangenenhaus in der Elisabethstraße in Untersuchungshaft. Dort erhält sie auch ihr Kündigungsschreiben vom nun aufgelösten Bund der Freien Gewerkschaften Österreichs nach 40-jähriger Tätigkeit. Offiziell zieht sie sich ins Privatleben zurück, arbeitete aber unermüdlich weiter: ist Beraterin für junge Gewerkschafterinnen, besucht die wöchtenlichen Treffen der weiblichen Abgeordneten in der Wohnung von Amalie Seidel.

Nach dem "Anschluss" 1938, wird sie aus der Internationalen Arbeitsorganisation ausgeschlossen - den Österreich hatte aufgehört zu existieren. Nach Kriegsende 1945 - sie ist jetzt 71 Jahre alt und leidet an grauem Star - arbeitet sie am Wiederaufbau der Gewerkschaften mit. Besuchtedie Gewerkschaftstagungen und ist im September 1954 der Ehrengast bei der feierlichen Eröffnung des Anton-Hueber-Hofes in der Quellenstraße. Schwer erkrankt reiste sie direkt aus dem Krankenhaus zur Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz und hält eine flammende Rede. Sie schließt mit: "Haltet fest, was wir errungen haben." Am 18. November 1957 stirbt sie mit 83 Jahren im Hanusch-Krankenhaus.

Quelle: Walter Göhring (Hg), Anna Boschek - Erste Gewerkschafterin im Parlament, ÖGB und AK Wien, 1998

Wilhelmine Moik

26. September 1894 - 12. Januar 1970

Wilhelmine Moik wird am 28. September 1894 in Wien als Tochter eines Werkzeugmachers und einer Näherin in Wien geboren. Sie ist eines der neun Kinder der Ottakringer Arbeiterfamilie. Schon als Kind muss sie zum Lebensunterhalt der Familie beitragen und in Heimarbeit Näharbeiten erledigen. Mit 18 Jahren tritt sie der Gewerkschaft bei und arbeitet ab 1916 hauptberuflich für den Heimarbeiterinnenverband.

1921 wechselt sie in die Gewerkschaftskommission und wird eine enge Mitarbeiterin von Anna Boschek. 1928 wird sie Sekretärin des Frauenreferats im Bund Freier Gewerkschaften. 1932 wird sie Gemeinderätin und ist bis 1934 Vorstandsmitglied der Wiener Arbeiter-Krankenversicherungskasse. Sie wird nach den Februarkämpfen von den Austrofaschisten festgenommen, aber nach sechs Wochen wieder entlassen. Sie muss sich jedoch jede zweite Woche bei den Behörden melden.

Zwischen 1934 und 1938 findet Moik keine Anstellung, sie arbeitet im Untergrund für die Revolutionären Sozialisten und wird am 27.10.1937 wegen "Illegalitätsverdachts" verhaftet, allerdings nach Erlass der generellen Amnestie für politische Gefangene im Februar 1938 freigelassen.

Nach Kriegsende setzt sie sich wieder für die Frauenbewegung ein, wird in den Nationalrat entsandt und zur Frauenreferentin des ÖGB ernannt. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der Sozialpolitik. Sie arbeitet an zahlreichen Gesetzen mit, die zur Verbesserung der Situation von Frauen in der Zweiten Republik führen. Es gehen etwa 1955 das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz aber auch zwei Jahre später, 1957, das Mutterschutzgesetz auf Moiks Initiativen zurück.

Von 1948 bis 1963 ist sie zudem Vorsitzende der Wiener SPÖ-Frauen. Sie stirbt mit 75 Jahren, am 12. Januar 1970 in Bad Vöslau.

Quelle: Wolfgang Maderthaner, Ulrike Weber-Felber, 100 Jahre Gewerkschaftsbewegung 1893-1993 Ausstellung

Karl Maisel

3. November 1890 - 13. März 1982

Karl Maisel wird am 3. November 1890 in Wien als Sohn eines Vertrauensmannes der Gewerkschaft geboren. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und als sein Vater stirbt, muss er mit seiner Mutter, die als Wäscherin arbeitet, in eine kleine Wohnung umziehen. In der leben anfangs auch noch zwei Bettgeher und später einer Untermieterin.

Mit fünfzehn Jahren (1905) beginnt er eine Lehre als Maschinenbauer in einer Firma mit reger Gewerkschaftstätigkeit. 1908 nimmt er am Schulstreik teil: die Jugendlichen wehrten sich gegen den Abend- und Sonntagsunterricht an der Fach- und Gewerbeschule. Das hätte ihm beinahe seinen Job gekostet. Nach seiner Lehrzeit geht er auf die Walz, kehrt aber bald wieder nach Wien zurück.

Während des Ersten Weltkrieges dient er als Waffenmeister in Krakau, Olmütz und Wiener Neustadt. Dort erlebte er den Jännerstreik 1918. Die Arbeiter protestierten gegen die Verringerung der Mehlration. Innerhalb kürzester Zeit streiken in großen Teilen der Monarchie 700.000 ArbeiterInnen. Die Streikenden fordern ein Ende des Krieges und eine Verbesserung der Versorgung. Sie erreichen eine Zusicherung der Regierung, die Lebensmittelversorgung zu verbessern und sich um Friedensverhandlungen zu bemühen. Am 20. Januar endet der Streik.

Nach dem Krieg wird Maisel von 1926 bis 1934 Sekretär der Metall- und Bergarbeitergewerkschaft und sitzt von 1932 bis 1934 im Wiener Gemeinderat.

Nach dem Verbot der Gewerkschaften arbeitet Maisel im Zentralkomitee der Revolutionären Sozialisten. Er wird festgenommen und im Juni 1934 ins Anhaltelager Wöllersdorf gebracht. Kaum entlassen arbeitet er in der Zentralorganisation der illegalen Metall- und Bergarbeitergewerkschaft mit. 1937 wird er erneut verhaftet, er war verraten worden und kommt erst am 11. März 1938, am Tag des Einmarsches der Nationalsozialisten, wieder frei. Maisel engagiert sich weiterhin in der illegalen Arbeiterbewegung, wird im August 1939, diesmal von der Gestapo, verhaftet und ins KZ Buchenwald deportiert.

Während seiner Internierung versorgen die illegalen Gewerkschafter seine Familie mit Lebensmitteln. 1940 wird Maisel entlassen, sein Arbeitergeber hatte sich für ihn eingesetzt, man brauche seine fachlichen Fähigkeiten dringend im Betrieb. Nach dem Attentat auf Hitler im Juli 1944 wird er abermals verhaftet und wieder setzte sich seine Firma für ihn ein. Am Heimweg vom Gefängnis trifft er Johann Böhm. Gleich nach Kriegsende wird Maisel wieder Vorsitzender der Metall- und Bergarbeitergewerkschaft. Er zieht in die Ebendorferstraße ein.

Das Gewerkschaftshaus in der Kohlgasse in Margareten war von den Sowjets beschlagnahmt worden. Nach den ersten Wahlen 1919 sollte wieder ein Gewerkschafter das Sozialministerium übernehmen. Der schwer kranke LUGA-Vorsitzende Karl Mantler lehnt ab, auch Maisel ist nicht wirklich davon überzeugt, das Ministerium zu übernehmen. Erst nach langen Gesprächen mit dem ÖGB-Präsidenten Johann Böhm und dem SPÖ-Parteivorsitzenden Adolf Schärf tritt Maisel das Amt an.

Im Dezember 1947 werden Böhm und Maisel zu den vorläufigen Verwaltern des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger ernannt. Im Mai 1948 fasst Maisel die ersten Jahre seiner Arbeit zusammen, zahlreiche Gesetze, wie das Feiertagsgesetz, das Bauarbeiterurlaubsgesetz, das Urlaubsgesetz, das Invalideneinstellungsgesetz, das Betriebsrätegesetz, das Kollektivvertragsgesetz, das Landarbeitergesetz und das Opferfürsorgegesetz sind beschlossen.

Noch nicht zufrieden ist er mit dem Sozialversicherungs-Überleitungsgesetz. Bei der ersten konstituierenden Sitzung des Hauptverbandes im November 1949 sprechen Maisel und Böhm von den Schwierigkeiten, aus dem Trümmerhaufen der uns zurückgelassenen Gesetzgebung wieder eine demokratische Gesetzgebung zu schaffen und das soziale Recht und die Sozialversicherung wieder auf eine demokratische Basis zu stellen.

Doch es dauert, bis die entsprechenden Gesetze verabschiedet werden. 1951 klagt Maisel darüber, dass auch andere wichtige Sozialgesetze, wie das Arbeitszeitgesetz, das Bäckerschutzgesetz, das Heimarbeitsgesetz und die Gesetze über die Vermittlungstätigkeit und die Organisation der Arbeitsämter immer noch nicht beschlossen sind, weil einige Wirtschaftsführer in unsrem Land mit ihren Wirtschaftskenntnissen aus dem vorigen Jahrhundert noch nicht den richtigen Anschluss an die neue Zeit und ihre Erfordernisse gefunden haben.

Erst seit dem 1.1.1956 gilt das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz: es erfasst die Kranken-, Unfall- und Pensionsversicherung für Arbeiter und Angestellte und regelt die Krankenversicherung der Pensionisten.Dem waren Grabenkämpfe vorausgegangen. Auf einem Plakat des ÖGB werden die Angriffe auf den Sozialminister, seine Gegner nennen ihn Verschwender, zusammengefasst: aus dem Budget des Bundesministeriums für soziale Verantwortung für 40.000 Kriegsbeschädigte, Kriegerwitwen und -waisen 1,025,570,400 Schilling, für die Arbeitslsosenversicherung 796,643,400 Schilling, u.s.w. ausgegeben worden ist. 1953 wird die ewige Debatte um die Sozialversicherung ein Wahlkampfthema: die ÖVP schaltet Anzeigen, in denen sie suggerierte, dass ArbeiterInnen und Angestellte nach der Verabschiedung des Gesetzes nicht mehr ihre eigenen Ärzte auswählen dürfen, nicht die besten Medikamente verschrieben bekommen werden, dass sie wohl stundenlang in Wartezimmern sitzen müssten und das für das die Beiträge für kostenspielige Büropaläste ausgegeben würde. Der Hauptverband konterte gegen die wahrheitswidrigen Behauptungen und Verleumdungen.

Schließlich tritt am 1.1.1956 das am 9. September 1955 beschlossene Allgemeine Sozialversicherungsgesetz in Kraft. Maisel tritt 1956 als Sozialminister zurück und wird der Nachfolger von Karl Mantler als Präsident der Wiener Arbeiterkammer. 1964 geht er in Pension.

Am 13. März 1982 stirbt er in Wien. Nach ihm wird 1995 die Maiselgasse im 3. Bezirk benannt und in der Lindenbauergasse im 11. Bezirk trägt eine Wohnhausanlage seinen Namen.

Quelle: Guenther Steiner, Der Sozialpolitiker Karl Maisel, Verlag des ÖGB GmbH, 2012

Käthe Leichter

20. August 189 - 17. März 1942

Käthe Leichter wird als Tochter eines Rechtsanwalts am 20. August 1895 in Wien geboren. Die Tochter aus reichem Haus ist wahrscheinlich die erste Frau, die zum Doktor der Staats wissenschaften promovierte. Sie musste sich den Studienzugang allerdings durch eine Klage beim Reichsgericht erkämpfen. Allerdings in Heidelberg bei Max Weber am 24. Juli 1918, denn in Österreich war es damals noch nicht möglich.

Schon in ihrer Jugendzeit schließt sie sich der radikalen "bürgerlichen" Jugendbewegung an - es ging ihnen um die umfassende und sexuelle Befreiung des Menschen.1918 ist sie Mitbegründerin des Verbands sozialdemokratischer Studenten und Akademiker, wo sie ihren späteren Mann, den sozialdemokratischen Journalisten Otto Leichter kennenlernt.

Ab 1919 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin Otto Bauers in der Staatskommission für Sozialisierung und arbeitet bei den Verbreitungen der Betriebsdemokratie mit. 1925 bis 1934 leitete sie das von ihr geschaffene Frauenreferat in der Arbeiterkammer. Sie arbeitete eng mit der Frauenabteilung der Freien Gewerkschaften und der SDAP zusammen und hält Betriebsrats- und Funktionärinnenschulungen ab.

1932 wird sie als erste Frau in den Betriebsrat der Arbeiterkammer gewählt. Leichter ist eine der MitbegründerInnen der modernen Soziologie. 1927 veröffentlicht sie gemeinsam mit der Vorsitzenden der Frauensektion der Freien Gewerkschaften Nationalrätin Anna Boschek und der Sekretärin der Freien Gewerkschaften Wilhelmine Moik die erste große Untersuchung zum Thema "Frauenarbeit und Arbeiterinnenschutz in Österreich".

Das Buch, das am Internationalen Frauenkongress 1930 präsentiert wird, gliedert sich in sechs Teile: Die Entwicklung der Frauenarbeit, die Situation der Frauen, die Probleme der Frauenarbeit, den Schutz der arbeitenden Frauen in der Gesetzgebung, Frauen in der Gewerkschaftsbewegung und im letzten Teil wird die gesellschaftliche Stellung der arbeitenden Frau beschrieben.

Sie war eine hervorragende Rednerin, die auch die zögerliche Haltung der SDAP gegenüber des aufstrebenden Faschismus scharf kritisierte. Nach den Februarkämpfen 1934 ist sie Mitbegründerin der Revolutionären Sozialisten, leitet in der illegalen Organisation zuerst das politische Bildungswesen und dann den Nachrichtendienst. Ihr Haus war der Treffpunkt von vielen FunktionärInnen.

1938 kann ihr Mann mit einem gefälschten Pass in die Schweiz fliehen, sie wird jedoch von einem ehemaligen Sportreporter der Arbeiterzeitung verraten, von der Gestapo verhaftet und nach 18 Monaten Haft zu sieben Monaten Haft verurteilt. Doch sie wird nicht freigelassen, sondern in das Frauen-KZ Ravenbrück deportiert und am 17.3.1942 bei einer "Versuchsvergasung" von ca. 1500 Jüdinnen in einem Eisenbahnwagonermordet. 1949 wird in Hietzing die Käthe-Leichter-Gasse nach ihr benannt.

Weitere Gedenkstätten:

Seit 1991 wird der Käthe-Leichter-Preis vergeben, an der Universität Wien gibt es Käthe-Leichter-Gastprofessuren.

Seit 1988 heißt ein Wohnbau in der Auhofstraße 152-156 Käthe-Leichter-Hof.
2006 wird an der Fassade des Hauses in der Ebendorferstraße 7 ein Gedenkzeichen (ihre Initialen aus Glas mit eingefrästem Erinneringstext) angebracht.

Quelle: Kammer für Arbeiter und Angestellte (Hg.), Handbuch der Frauenarbeit in Österreich, Ueberreuther, 1930; Evelyn Lacina, Käthe Leichter, geborene Pick in: Neue Deutsche Biographie14 (1985), S. 132-134 (Onlinefassung): http://www.deutsche-biographie.de/ppn119334429.html; www.doew.at/erinnern/biographien/spurensuche/kaethe-leichter-1895-1942

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